Stadion Rajko Mitić, Roter Stern Belgrad

Europa League im Hexenkessel von Belgrad – Stadion Rajko Mitić

Die Sehnsucht nach Europa

25 Jahre lang mussten Roter Stern Belgrad und der 1. FC Köln darauf warten wieder auf europäischer Bühne spielen zu dürfen. Zwei Traditionsvereine mit jeweils hoch emotionalen Anhängern und ein Endspiel um das Erreichen der nächsten Runde – eine bessere Konstellation hätte es am letzten Spieltag in der Gruppe H der UEFA Europa League nicht geben können. Und so wurde das Aufeinandertreffen im Stadion Rajko Mitić zu einem hitzigen Pokalfight in brodelnder Atmosphäre. Eine unserer intensivsten aber auch heikelsten Erlebnisse beim Groundhopping.

Aufgrund der großen Sehnsucht nach Europa waren sämtliche Spiele der Kölner in der Europa League sofort komplett überbucht. Auch wir hatten kein Losglück und mussten uns Karten über die offizielle Webseite von Roter Stern Belgrad besorgen. Wir entschieden uns aus Sicherheitsgründen für die Haupttribüne, in der Hoffnung auf gemäßigtes Publikum zu treffen.

Stadion Rajko Mitic, Roter Stern Belgrad

Undercover im Hexenkessel

Die FC-Fans sammelten sich außerhalb der Innenstadt auf einem Parkplatz, um von dort aus in Bussen von der Polizei zum Stadion Rajko Mitić eskortiert zu werden. Aus Sicherheitsgründen wurde ein geplanter Fanmarsch leider abgesagt. Trotzdem befanden sich an jeder Ecke der Innenstadt mit Schutzschilden und Helmen ausgerüstete Polizeikräfte, um für Ordnung zu sorgen.

Nachdem wir uns im „Black Turtle Pub“ mit einem serbischen Freund auf ein paar Bier getroffen hatten, fuhren wir mit dem Taxi zum Stadion Rajko Mitić. Hier sollte man unbedingt darauf achten, nur bei offiziellen Anbietern mit Taxometer einzusteigen. Ansonsten kann es schnell passieren, dass man das fünffache oder mehr des eigentlichen Preises zahlt. Wir stiegen gut einen Kilometer entfernt vom Stadion aus, da der Verkehr komplett zum erliegen kam.

Von hier aus mussten wir uns den Weg durch die Massen bahnen. Man merkte schnell, dass bereits vor dem Spiel die Stimmung extrem angespannt war. Auf einem schmalen Abschnitt auf einer Brücke – einem der wenigen Orte ohne Polizeipräsenz – wurden zwei Köln-Fans angegriffen und bekamen direkt vor uns mehrere Faustschläge ins Gesicht. Uns war klar, dass wir ab hier kein Wort Deutsch mehr
sprechen sollten.

Wir kämpften uns mit leichtem Unwohlsein weiter durch die finsteren Massen bis zum Stadion. Hier kaufte ich mir als erstes unsere Lebensversicherung – einen Fanschal von Roter Stern. Jegliche Kommunikation mit Einheimischen wurde von meiner Freundin übernommen, die glücklicherweise der Landessprache mächtig ist. Mit Belgrad-Schal um den Hals und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, galt es nun die letzte Hürde zu nehmen: die Einlasskontrolle. Neben mir wurden zwei ältere, deutschsprachige Herren abgewiesen, da aus Sicherheitsgründen keine Gästefans im Block erlaubt waren. Der Blutdruck stieg erneut als meine Einlasskarte nicht gescannt worden konnte und ich die Unterstützung einer serbischen Sicherheitskraft benötigte, ohne mich als Deutscher zu erkennen zu geben.

Stadion Rajko Mitic, Roter Stern Belgrad Haupttribüne

Nostalgie und Pyro-Wahnsinn im „Marakana“

Nach einigen Versuchen klappte es endlich und wir betraten das auch als „Marakana“ bezeichnete Stadion Rajko Mitić des serbischen Serienmeisters. Trotz des abblätternden Putzes und den renovierungsbedürftigen Sanitäranlagen erinnert die in die Jahre gekommene Betonschüssel noch immer an die glorreichen Jahre von Roter Stern Belgrad. 1991 gewann man den Europapokal der Landesmeister und im selben Jahr sogar als einzige Mannschaft des Ostblocks den Weltpokal. Nur kurze Zeit später begann mit dem Jugoslawienkrieg auch der Ausverkauf der Mannschaft und der Verein verschwand in der Bedeutungslosigkeit des europäischen Fußballs.

Was aber neben dem klangvollen Namen jeher geblieben ist, sind die berüchtigten Fans und die einzigartige Stimmung im Stadion Rajko Mitić. Und so sollte auch diese Europapokal-Nacht zu einer lautstarken, durch Pyrotechnik unterstützten Schlacht auf den Rängen werden, in der sich beide Fanlager nichts schenkten.

Wir standen auf der Haupttribüne direkt neben dem Gästeblock. Aus Sicherheitsgründen stellte ich meine Smartphone-Spracheinstellung auf Englisch, damit ich meine Herkunft auch beim Fotografieren und Filmen nicht zu erkennen gebe. Schon lange vor dem Anpfiff tauschten beide Blöcke wüste Provokationen aus. Verbal und mit eindeutiger Zeichensprache schaukelte man sich gegenseitig so sehr hoch, dass Polizisten die Fans auf beiden Seiten des Zauns mehrere Meter zurückdrängen mussten. Wir waren froh, als die Mannschaften endlich einliefen und sich so die Konzentration auf das Spielfeld richtete, bevor die Lage eskalieren konnte.

Es wurden Bengalos im Gästeblock gezündet und die Rauschschwaden legten sich – vom Flutlicht beleuchtet – wie ein Schleier über den Rasen. Aus allen Ecken des Stadions hallten die Schlachtrufe. Die Stimmung war so dermaßen aufgeheizt, dass man die eisige Außentemperatur vergaß. Als Roter Stern das einzige Tor der Begegnung erzielte, entfachten auch die Belgrad-Fans das Feuer. Fast die komplette Kurve brannte lichterloh!

Über die gesamten 90 Minuten hielt sich diese einzigartige, aber auch extrem aufgeheizte (und teilweise nicht ungefährliche) Stimmung. Eine Mischung aus Faszination und Schauder begleitete uns durch diese wahnsinnige Fußballnacht im Stadion Rajko Mitić. Ein Groundhopping-Erlebnis, welches wir definitiv nie vergessen werden! Dennoch war es ein gutes Gefühl, als wir wieder wohlbehalten in unserem Hotelzimmer ankamen.

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